Um die Frage nach der Zukunft der Völker angemessen beantworten zu können, geht Zieglers Buch zunächst auf die Erfahrungen von Sklaverei und Kolonialismus zurück. Die unterschiedlichen Ausprägungen eines – in programmatischer Vereinfachung so benannten – “westlichen” und “südlichen” Gedächtnisses bilden den Hintergrund der Schwierigkeiten, die anstehenden Menscheitsprobleme gemeinsam zu lösen.
Die Gegenwart steht dabei in unheilvoller Kontinuität: die heute weltumspannende Herrschaft des westlichen Wirtschaftsmodells bedeutet die fortgesetzte Ausplünderung des Planeten und geht einher mit der „Blindheit des Westens für die eigenen Massenmorde“.
Dies alles bildet die Grunderfahrungen der südlichen Länder mit dem Westen, dessen moralischer Anspruch auf Menschenrechte und Demokratie als verlogen erscheinen muss, selbst da, wo er aufrichtig ist.
An zwei Beispielen versucht Ziegler sowohl die fortgesetzte Katastrophe, aber auch Möglichkeit und Hoffnung auf Selbstbefreiung zu verdeutlichen: Auf der einen Seite die zerstörerische Ausbeutung des Ölreichtums in Nigeria durch die „Beutejäger“ internationaler Konzerne, auf der anderen Seite der Versuch einer Rückeroberung von Identität und Selbstbestimmung in Bolivien unter dem ersten indianischen Präsidenten Südamerikas, Evo Morales.
Zieglers plakative Schreibweise und seine offensive Parteinahme für die Völker der südlichen Hemisphäre empört manche westlichen Leser. Aber es geht hier auch um die Zukunftsfragen der westlichen Zivilisation, die in ihrer Negierung des Anspruchs der Völker auf Veränderung und Anerkennung ihres „verwundeten Gedächtnisses“ dafür in Kauf nimmt, dass der berechtigte „Hass auf den Westen“ in den pathologischen Hass fundamentalistischer Bewegungen degenerieren kann.
Der Hass auf den Westen
von Jean Ziegler
Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren
München 2009
287 Seiten