Buchvorstellung: “Der Hass auf den Westen” von Jean Ziegler

Um die Frage nach der Zukunft der Völker angemessen beantworten zu können, geht Zieglers Buch zunächst auf die Erfahrungen von Sklaverei und Kolonialismus zurück. Die unterschiedlichen Ausprägungen eines – in programmatischer Vereinfachung so benannten – “westlichen” und “südlichen” Gedächtnisses bilden den Hintergrund der Schwierigkeiten, die anstehenden Menscheitsprobleme gemeinsam zu lösen.

Die Gegenwart steht dabei in unheilvoller Kontinuität: die heute weltumspannende Herrschaft des westlichen Wirtschaftsmodells bedeutet  die fortgesetzte Ausplünderung des Planeten und geht einher mit der „Blindheit des Westens für die eigenen Massenmorde“.

Dies alles bildet die Grunderfahrungen der südlichen Länder mit dem Westen,  dessen moralischer Anspruch auf Menschenrechte und Demokratie als verlogen erscheinen muss, selbst da, wo er aufrichtig ist.

An zwei Beispielen versucht Ziegler sowohl die fortgesetzte Katastrophe, aber auch Möglichkeit und Hoffnung auf Selbstbefreiung zu verdeutlichen: Auf der einen Seite die zerstörerische Ausbeutung des Ölreichtums in Nigeria durch die „Beutejäger“ internationaler Konzerne, auf der anderen Seite der Versuch einer Rückeroberung von Identität und Selbstbestimmung in Bolivien unter dem ersten indianischen Präsidenten Südamerikas, Evo Morales.

Zieglers plakative Schreibweise und seine offensive Parteinahme für die Völker der südlichen Hemisphäre empört manche westlichen Leser. Aber es geht hier auch um die Zukunftsfragen der westlichen Zivilisation, die in ihrer Negierung des Anspruchs der Völker auf Veränderung und Anerkennung ihres „verwundeten Gedächtnisses“ dafür in Kauf nimmt, dass der berechtigte „Hass auf den Westen“ in den pathologischen Hass fundamentalistischer Bewegungen degenerieren kann.


Der Hass auf den Westen

von Jean Ziegler

Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren

München 2009

287 Seiten

Veröffentlicht unter Bücher | Verschlagwortet mit Ausbeutung, Kapitalismus | Hinterlasse einen Kommentar

Ölpest?

Dass die Sicherheitsvorschriften und ihre Beachtung für die Ölförderung im Golf von Mexiko mangelhaft waren, wurde bruchstückhaft nach der Explosion der Förderplattform Deepwater Horizon in den Medien bekannt. So berichtete etwa die Washington Post, das Sicherheitsventil, welches im Falle einer Explosion den Ölaustritt verhindern sollte, sei nur ein provisorisches gewesen. Die Schuld für das Versäumnis, rechtzeitig ein sicheres Ventil einzubauen versuchten BP und der Plattform-Betreiber Transocean daraufhin sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben.

Die Lehren aus der Katastrophe im Golf von Mexiko – und sie war nicht die erste ihrer Art, schon 1979 strömte nach dem Explosionsunglück auf der Bohrinsel “IXTOC I” vor Mexiko neun Monate lang Öl ins Meer – sollten sich nicht auf die Bestätigung der schon gängigen Erkenntnis beschränken, dass Konzerne für ihre Gewinnmaximierung kein Risiko scheuen und Moral keine Kategorie ihres Handelns ist.

Der Horizont des Problems reicht weiter: Der weltweite Verbrauch an Öl für industrielle Produkte und für den Betrieb von Verbrennungsmotoren hat eine selbstzerstörerische Qualität für das Leben auf diesem Planeten erreicht. Insbesondere eine seit Jahrzehnten dominierende Verkehrspolitik, die dem individuellen Autoverkehr weiter befördert und sogar international sich erst noch entfalten lässt, ist nicht zukunftsfähig.

Dagegen werden die Exporterfolge deutscher Automobilhersteller immer noch in den Medien als Lichtblicke der Konjunktur gefeiert. Der individuelle Autoverkehr prägt das Bild unserer Städte, allen Verschmutzungen, Verkehrstoten und ökologischen Einwänden zum Trotz.

Hinter den bloßen Zahlen zu „Fahrfreude“ (BMW) und „Mehr Spaß im Alltag“ (VW) verbirgt sich eine kaum vorstellbare Wirklichkeit:

Weltweit sind 2009 nach dem sogenannten Global Status Report der Weltgesundheitsorganisation 1,27 Millionen Menschen im Straßenverkehr getötet worden, mindestens 20 Millionen wurden verletzt.

Derzeit werden weltweit etwa 500 Millionen PKW gefahren. Neben dem entsprechenden Kraftstoffverbrauch stoßen diese laut Greenpeace jedes Jahr rund vier Milliarden Tonnen CO2 aus. Das Heidelberger Umwelt- und Prognoseinstituts UPI prognostiziert bis 2030 eine Zahl von weltweit  2,3 Milliarden Autos.

Wie auf so vielen Gebieten wird auch hier die Bereitschaft notwendig, den barbarischen Widersinn einer vom Westen über die ganze Welt verbreiteten Lebensweise anzuerkennen. Damit verbunden muss nicht nur jeder seinen individuellen Konsum überprüfen, sondern kann an den Auseinandersetzungen teilnehmen, wie denn Verkehrspolitik und Wirtschaftsproduktion radikal verändert werden können.

Veröffentlicht unter Umwelt | Verschlagwortet mit Kapitalismus, Umwelt, Verkehrspolitik | Hinterlasse einen Kommentar

Sozialismus?

Mao? Stalin? Arbeitslager? Gulag? Und das soll ein Fortschritt für die Menschheit gewesen sein? Warum also über Sozialismus diskutieren?
Weil es unmöglich ist, in einer Welt so genannter Globalisierung über eine lebenswerte Zukunft zu reden, ohne anzuerkennen, wie diese Welt funktioniert. Börsenspekulationen, Kapitalmärkte, Bankenschutzschirme, Waffenexporte, Weltbankkredite und so viel mehr existieren nicht unabhängig von Realitäten wie Kriegseinsätze, Welthunger, Terrorismus und globaler Umweltzerstörung.
Sozialismus ist da zuerst einmal die intellektuelle Freiheit, über die Systemgrenzen der Wirklichkeit hinaus zu denken. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit selbst ständig über ihre eigenen Grenzen hinausweist.

Und dennoch: Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit den kommunistischen Bewegungen in Europa und Asien sind als Mühlsteine um den Hals der Völker keine Kleinigkeit. Dass es für die Verfechter des kapitalistischen Welthandels ein Leichtes ist, in den traditionellen Massenmedien jede ergebnisoffene Diskussion über die Zukunft der Menschheit abzuwürgen,  ist alles andere als ein Wunder.
Aber es ist genauso wenig verwunderlich, dass die Apologeten des Sozialismus über ihre berechtigten Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der kapitalistischen Weltwirtschaft hinaus selten revolutionäre Zuversicht erzeugen können. Wir müssen um dieser Zuversicht willen zwar davon ausgehen, was alles an menschlichen Kräften, technischen Errungenschaften und entwickelten Kulturleistungen schon längst vorhanden ist. Aber wir müssen auch offen diskutieren, wie leicht sich jeder Versuch, die Welt positiv und grundsätzlich zu verändern, selbst zerstört. Wir müssen die Erfahrungen verarbeiten, die alle bisherigen kommunistischen Bewegungen bei dem Versuch gemacht haben, eine neue Gesellschaft aufzubauen und sie vor ihren Gegnern zu schützen. Wir müssen begreifen, dass selbst der zurecht inhaftierte Konterrevolutionär ein Prüfstein für die zukunftsfähige Humanität einer befreiten Gesellschaft bleibt.

Veröffentlicht unter Sozialismus | Verschlagwortet mit Kapitalismus, Revolution, Sozialismus | 3 Kommentare

Die Zukunft ist, was wir daraus machen

Auch wenn die Katastrophenmeldungen und Krisennachrichten uns kaum zur Ruhe kommen lassen: der Reichtum der Menschheit ist die größte Herausforderung, der wir uns bewusst werden müssen. Die Herausforderung, den Reichtum – geistig, kulturell und materiell – zu nutzen, eine Welt ohne Massensterben von Kindern, ohne globale Umweltzerstörung, ohne Kriege und ohne die Ausbeutung der Vielen durch einige Wenige durchzusetzen.

Veröffentlicht unter Zukunft | Verschlagwortet mit Zukunft | 1 Kommentar