Mein Cappuccino und die Elfenbeinküste (3)

„Wer Schokolade isst, ist mein Fleisch.“ Dieser Satz hat sich in mein Bewusstsein eingegraben. Ich möchte nicht, dass Kinder für mich arbeiten und zu einem Leben in Armut verdammt sind. Aber wenn der Artikel der Wahrheit entspricht, dann gibt es einen Zusammenhang zwischen meinem Verhalten und dem Elend der Menschen in der Elfenbeinküste: Das Verzehren billigen Kakaos und die Duldung bestehender Ausbeutungsverhältnisse tragen zu den bedauernswerten Zuständen in der Elfenbeinküste bei. Obwohl ich mich nicht schuldig fühle, sehe ich einen Teil der Verantwortung in mir. Nur wenn Unwissenheit und Zurückhaltung an sich schon verachtenswert wären, müsste ich mich auch schuldig fühlen. Und dennoch erblicke ich in dem Befund auch die Aufforderung, mich besser zu informieren und in irgendeiner Form zu handeln. Aber was kann ich tun?

Es mangelt nicht an Menschen, die bereit sind, sofort zu handeln, wenn der Schuh irgendwo drückt. Ich möchte hingegen erst einmal verstehen, in welcher Situation ich mich befinde und in welchem sozialen Kontext. Wie sind denn die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen ich handeln möchte?

Vor vielen Jahren schon habe ich mich eine Zeitlang mit dieser Frage beschäftigt. Vor und während meines Studiums bin ich verschiedenen Gesellschaftstheorien begegnet, die alle ihre Spuren in meinem Bild von der westlichen Industriegesellschaft hinterlassen haben – Marxismus, Kritische Theorie, Systemtheorie, Objektiver Idealismus der Intersubjektivität. Ich trage dieses Bild nun schon einige Jahre in mir herum, ohne es jemals einer kritischen Prüfung unterworfen zu haben. Ja, ich habe es bisher sogar versäumt, es überhaupt einmal auszuformulieren. Aber dies kann ich ändern. Um es kurz zu machen, das Resultat meiner Überlegungen sah etwa folgendermaßen aus:

Gesellschaftsformationen beruhen auf einer normativ bestimmten sozialen Ordnung oder Regeln der sozialen Integration, auf einem kulturellen Wissensvorrat, der die verfügbaren Deutungsmuster einer Gesellschaft repräsentiert, und aus vergesellschafteten Individuen oder Personen, die durch ihre kommunikativen Handlungen die Elemente der Gesellschaft reproduzieren.

Im Zuge der sozialen Evolution kommt es zu einer zunehmenden Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilbereiche, die bestimmte Funktionen für die Reproduktion der Gesellschaft übernehmen. Ausgehend von egalitären Stammesgesellschaften führt die Entwicklung über eine Reihe von hierarchisch gegliederten Klassengesellschaften zu funktional ausdifferenzierten Gesellschaften, wobei im jeweils späteren Entwicklungsstadium das frühere nicht verschwindet, sondern latent weiterwirkt und in Krisensituationen wieder zum Vorschein kommen kann.

Was nun die kapitalistische Gesellschaft anbelangt, so glaubte ich, dass der klassische Gegensatz von Kapital und Arbeit im Innern der Gesellschaft einigermaßen befriedet und die Arbeiterklasse durch die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum allmählich korrumpiert und nunmehr vornehmlich an der Realisierung eines hedonistischen Lebensstils, wie ihn das Bürgertum vorlebt, interessiert sei und dem Ideal der internationalen Solidarität abgeschworen habe – von Ausnahmen abgesehen, versteht sich.

Ich betrachtete schließlich die moderne Gesellschaft als eine Art Organismus mit verschiedenen Organen, Geweben und Zellen, als System von Systemen, die einander ergänzen und das Ganze des gesellschaftlichen Körpers erzeugen, während das Ganze die einzelnen Teile reproduziert. In dieser Sicht gibt es kein Subsystem der Gesellschaft, das den anderen sein Gesetz vorschreibt. Ökonomie, Recht, Politik, Religion, Kunst, Fortpflanzung und Erziehung bedingen einander wechselseitig, so wie die einzelnen Organe eines Körpers ineinandergreifen, um das Funktionieren des Gesamtorganismus zu gewährleisten.

Und all das glaube ich immer noch. Aber warum nur habe ich den Eindruck, dass mit diesem Bild etwas nicht stimmt? Seit Tagen schon laufe ich gedankenvoll durch die Gegend und komme nicht mehr richtig zur Ruhe. Letzte Nacht habe ich mich stundenlang hin- und hergewälzt und nachgedacht. Ist das ein Rückfall in schon überwunden geglaubte Zeiten?

Immerhin hatte ich eine Idee. Was wäre, wenn das Bild im Großen und Ganzen zutreffend, aber in einer entscheidenden Hinsicht unvollständig wäre? Wäre es nicht immerhin beruhigend, wenn die Idee einer kritischen Prüfung standhielte? In einer gewissen Hinsicht wäre es das, denn ich hätte die Lösung für ein theoretisches Problem gefunden – in einer anderen aber ganz und gar nicht.

Und tatsächlich, die Idee scheint sich zumindest widerspruchsfrei denken zu lassen. Unsere Gesellschaft erscheint mir immer noch in etwa so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, einem lebendigen, wenn auch krankheitsanfälligen Organismus vergleichbar. Aber dieser Organismus ist ein Parasit.

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Mein Cappuccino und die Elfenbeinküste (2)

“Aus Côte d’Ivoire, so der französische Name des Landes, gingen im Jahr 2000 verstörende Bilder um die Welt: Der britische Sender Channel 4 zeigte Kinder, die in Burkina Faso und Mali in die Fänge organisierter Menschenhändler geraten waren, um sich wenig später auf ivorischen Kakaopflanzungen wiederzufinden. Sie schufteten ohne Bezahlung und bekamen gerade so viel zu essen, dass sie nicht verhungerten. Nachts wurden sie eingesperrt. Sie präsentierten schwere Verletzungen – zugefügt von ihren „Arbeitgebern“, und einer sagte in die Kamera: ‘Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch.’ “
Im dritten Quartal des Jahres 2009 erschien im greenpeace magazin die Titelstory „Zart – aber bitter. Wie Kinder in Afrika für unsere Schokolade schuften“. Zuvor hatten sich der Autor, Michael Obert, und der Fotograph, Daniel Rosenthal, auf den Weg in die Elfenbeinküste gemacht, um die Einhaltung des Harking-Engel-Protokolls zu überprüfen, dass die ivorische Regierung und die multinationale Schokoladenindustrie im September 2001 gemeinsam unterzeichneten hatten. Das Protokoll sah vor, den Kinderhandel und die schlimmsten Formen der Kinderarbeit aus der Kakaoproduktion zu verbannen: neben Zwangsarbeit auch Tätigkeiten, die ein Kind dauerhaft davon abhalten, eine Schule zu besuchen, sowie gefährliche oder gesundheitsschädliche Arbeiten wie das Tragen schwerer Lasten, den Umgang mit giftigen Substanzen und mit der Machete. Da die Verbraucher in Europa und Amerika empfindlich auf den Beigeschmack von Kinderschweiß und –blut in ihren Tafeln mit dem zarten Schmelz, ihren Pralinen und Lebkuchenherzen reagiert hatten, war wohl eine beschwichtigende Reaktion nötig geworden.
Aber wie ist nun die Situation heute im Kakaosektor der Elfenbeinküste? Müssen Kinder nicht mehr länger als billige Arbeitskräfte herhalten? Gehen sie statt in die Pflanzung jetzt zur Schule?
Das Reporterteam begegnet auf seiner Reise durch das Anbaugebiet verschiedenen Gruppen von Kleinbauern und Arbeitern, unter denen sich immer wieder Kinder befinden, teilweise erst 8 bis 12 Jahre alt. “Nach Schätzungen der britischen Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International arbeiten in der Elfenbeinküste bis zu 200.000 Kinder am süßen Kick der Industrienationen. Bis zu 14 Stunden täglich. Rund eine Million ivorische Kleinbauern … verhelfen der multinationalen Schokoladenindustrie jährlich zu Umsätzen von fast zwei Milliarden Dollar.”

Die Kinder spritzen Pestizide auf die Kakaofrüchte, meist ohne Atemschutzgeräte, schlagen mit Macheten die Früchte von den Bäumen teilen sie und schneiden das Fruchtfleisch aus ihnen heraus – wobei sie sich hin und wieder verletzen -, und tragen schwere Säcke, gefüllt mit Kakaobohnen. Doch die Bauern schicken die Kinder, die meist ihre eigenen sind, nicht aufgrund von rücksichtsloser Profitgier in die Pflanzungen – sie selbst sind bettelarm –, sondern weil die Kosten der Arbeitskraft der einzige Faktor sind, den sie in ihrer Notlage beeinflussen können. Nur rund ein drittel des Exportwerts des Rohkakaos bleibt bei den Bauern. Den Großteil schöpfen Zwischenhändler, korrupte Beamte und Wegelagerer an den Checkpoints entlang der Pisten ab.
Auch der Kinderhandel scheint weiter zu florieren. Nach mehreren Fehlversuchen treffen die Greenpeace-Reporter auf einen Menschenhändler, der bereit ist, ihnen, die sich als Plantagenbesitzer ausgegeben haben, 10 bis 12-jährige Kinder aus dem Nachbarland Burkina Faso zu besorgen – für umgerechnet 120 Euro pro Kind. In anderen Fällen begegnen sie Kindern, deren Herkunft sich nicht zweifelsfrei feststellen lässt, die aber doch den Verdacht erregen, dass sie keine einheimischen Bauernkinder sind.
“Schokolade macht gute Laune. Schokolade macht glücklich. Sagt die Werbung. Im ivorischen Südwesten befeuert sie einen Teufelskreis. Kakao bringt kein Geld. Ohne Geld kein Schulbesuch. Ohne Schule keine Alternative zum Kakao. Und so schuften auch die Kinder der Kinder in der Pflanzung, zu einem Leben in Armut verdammt, einer Armut, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.”
Aber nicht nur die ländliche Bevölkerung, sondern auch die städtische lebt zum Teil in bitterer Armut. In San Pedro beispielsweise, das durch den Mythos des Kakaobooms etliche Menschen angezogen hat, leben allein im Slum Bardot 130.000 Menschen im Elend. Auf der anderen Seite sorgen korrupte Beamte dafür, dass die für die ländliche Entwicklung vorgesehene Exportsteuer in dunklen Kanälen versickert.
“Und auch die Fürsten der multinationalen Schokoladenkonzerne, die rücksichtslos den Abnahmepreis bei den Bauern drücken, um den Rohkakao in den Industrienationen mit horrenden Gewinnen zu veredeln – die Herrscher also über die Negerküsse, Mohrenköpfe und Bitterschokoladen dieser Welt – lassen sich ihre astronomischen Jahresgehälter, ihre Luxuslimousinen und barocken Villen von Hunderttausenden unterernährter Kinder finanzieren. Von Kindern, die in den Pflanzungen verheizt werden wie industrieller Brennstoff. Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch…”

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Mein Cappuccino und die Elfenbeinküste (1)

Wenn ich morgens erwache, bereite ich mir zunächst einmal eine aromatische heiße Tasse Cappuccino zu. Ich liebe es, dieses wohlschmeckende Getränk zu mir zu nehmen. Gerade am Morgen meine ich, es wirklich nötig zu haben. Es hilft mir, meinen Körper langsam aufzuwärmen und bringt meinen Geist allmählich in Schwung. Morgens bin ich meistens ziemlich fertig. Wenn ich wach werde, bin ich häufig unterkühlt, und mein Kopf tut weh oder ist zumindest mächtig benebelt. Dann ist der Cappuccino genau das richtige Getränk, um mich aus meinem Schlummer herauszuholen. Kaffee kann ich leider kaum trinken, denn ich vertrage nur sehr geringe Mengen Koffein.
Ich gehe in die Küche und setze Wasser auf. Dann gebe ich vier gehäufte Teelöffel in eine große Tasse, warte bis das Wasser heiß ist und rühre langsam um. Ich nehme Milch aus dem Kühlschrank, füge sie hinzu und rühre weiter. Durch die Bewegung des Löffels entsteht eine Spirale, die mich sehr an eine rotierende Galaxie erinnert. Da ich mich sehr mit unserem Universum verbunden fühle, freue ich mich, dass ich schon am frühen Morgen daran erinnert werde, wer ich eigentlich bin.
Ich gehe ins Wohnzimmer, das gleichzeitig mein Schlafzimmer ist, setze mich und fange behutsam an, meinen Cappuccino zu trinken. Da ich kalte Milch hinzugefügt habe, muss ich nicht lange warten, bis ich an ihm schlürfen kann. Je mehr ich trinke, desto wohler fühle ich mich. Allmählich werde ich wach.
Ich versuche, mich auf mein Getränk zu konzentrieren und kann alsbald auch die Wolken in ihm sehen, die an meinem Fenster vorüberziehen. Auch die Kühe, die in der Milch enthalten sind, tauchen zwanglos vor meinem geistigen Auge auf. Aber was ist mit den anderen Inhaltsstoffen? Sicher – ich weiß, dass Kaffee im Cappuccino enthalten ist. Aber was ist sonst noch drin?
Ich gehe in die Küche und hole die große Dose family Cappuccino, die es bei Aldi recht günstig zu kaufen gibt – 2,79 € für 500 Gramm. Ich schaue auf die Liste der Zutaten und lese: Zucker, Süßmolkenpulver, pflanzliches Öl, Magermilchpulver, löslicher Bohnenkaffee (9 %), Kakao, stark entölt (7 %), Speisesalz, Stabilisator Natriumphosphat, natürliches Aroma. – Ich muss mir eingestehen, dass ich von den meisten Bestandteilen nur sehr wenig oder gar nichts weiß. Woher kommt der Zucker? Ist es Rohr- oder Rübenzucker? Was ist Süßmolke? Welches pflanzliche Öl und welches natürliche Aroma stecken darin? Wofür braucht man einen Stabilisator? Ist er für den Cappuccino oder ist er für mich?
Ich fühle mich beschämt, weil ich nur so wenig über die Lebensmittel weiß, die ich zu mir nehme. Leicht verstimmt trinke ich die Tasse aus. Ich stelle mir vor, im Supermarkt zu stehen und von jedem Produkt die Zutatenliste zu lesen und darüber zu reflektieren, was das alles ist und wo es herkommt. Meine Laune wird nicht besser. Wie verbinde ich nur meinen Wunsch, bewusst zu leben und anderen Wesen nicht zu schaden, mit meiner manchmal nicht zu leugnenden Bequemlichkeit?
Ich stehe auf, bringe Tasse und Cappuccino-Dose zurück in die Küche und schaue durch das Küchenfenster hinaus in die Landschaft. Seit einiger Zeit grübele ich nicht mehr. Wenn es Denkblockaden oder heftige Gefühle in mir gibt, versuche ich, mich zu bewegen oder bewussten Kontakt zu meinem Atem aufzunehmen. Ich habe festgestellt, dass sich auf diese Weise die meisten Knoten viel besser lösen lassen als durch hartnäckiges Nachdenken.
Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich einmal im greenpeace magazin über den Abbau von Kakaobohnen in der Elfenbeinküste gelesen habe und beschließe, diesen Artikel noch einmal zu lesen, um zumindest über einen Bestandteil meines heiß geliebten Cappuccinos Bescheid zu wissen…

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Buchvorstellung: “Der Hass auf den Westen” von Jean Ziegler

Um die Frage nach der Zukunft der Völker angemessen beantworten zu können, geht Zieglers Buch zunächst auf die Erfahrungen von Sklaverei und Kolonialismus zurück. Die unterschiedlichen Ausprägungen eines – in programmatischer Vereinfachung so benannten – “westlichen” und “südlichen” Gedächtnisses bilden den Hintergrund der Schwierigkeiten, die anstehenden Menscheitsprobleme gemeinsam zu lösen.

Die Gegenwart steht dabei in unheilvoller Kontinuität: die heute weltumspannende Herrschaft des westlichen Wirtschaftsmodells bedeutet  die fortgesetzte Ausplünderung des Planeten und geht einher mit der „Blindheit des Westens für die eigenen Massenmorde“.

Dies alles bildet die Grunderfahrungen der südlichen Länder mit dem Westen,  dessen moralischer Anspruch auf Menschenrechte und Demokratie als verlogen erscheinen muss, selbst da, wo er aufrichtig ist.

An zwei Beispielen versucht Ziegler sowohl die fortgesetzte Katastrophe, aber auch Möglichkeit und Hoffnung auf Selbstbefreiung zu verdeutlichen: Auf der einen Seite die zerstörerische Ausbeutung des Ölreichtums in Nigeria durch die „Beutejäger“ internationaler Konzerne, auf der anderen Seite der Versuch einer Rückeroberung von Identität und Selbstbestimmung in Bolivien unter dem ersten indianischen Präsidenten Südamerikas, Evo Morales.

Zieglers plakative Schreibweise und seine offensive Parteinahme für die Völker der südlichen Hemisphäre empört manche westlichen Leser. Aber es geht hier auch um die Zukunftsfragen der westlichen Zivilisation, die in ihrer Negierung des Anspruchs der Völker auf Veränderung und Anerkennung ihres „verwundeten Gedächtnisses“ dafür in Kauf nimmt, dass der berechtigte „Hass auf den Westen“ in den pathologischen Hass fundamentalistischer Bewegungen degenerieren kann.


Der Hass auf den Westen

von Jean Ziegler

Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren

München 2009

287 Seiten

Veröffentlicht unter Bücher | Verschlagwortet mit Ausbeutung, Kapitalismus | Hinterlasse einen Kommentar