„Wer Schokolade isst, ist mein Fleisch.“ Dieser Satz hat sich in mein Bewusstsein eingegraben. Ich möchte nicht, dass Kinder für mich arbeiten und zu einem Leben in Armut verdammt sind. Aber wenn der Artikel der Wahrheit entspricht, dann gibt es einen Zusammenhang zwischen meinem Verhalten und dem Elend der Menschen in der Elfenbeinküste: Das Verzehren billigen Kakaos und die Duldung bestehender Ausbeutungsverhältnisse tragen zu den bedauernswerten Zuständen in der Elfenbeinküste bei. Obwohl ich mich nicht schuldig fühle, sehe ich einen Teil der Verantwortung in mir. Nur wenn Unwissenheit und Zurückhaltung an sich schon verachtenswert wären, müsste ich mich auch schuldig fühlen. Und dennoch erblicke ich in dem Befund auch die Aufforderung, mich besser zu informieren und in irgendeiner Form zu handeln. Aber was kann ich tun?
Es mangelt nicht an Menschen, die bereit sind, sofort zu handeln, wenn der Schuh irgendwo drückt. Ich möchte hingegen erst einmal verstehen, in welcher Situation ich mich befinde und in welchem sozialen Kontext. Wie sind denn die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen ich handeln möchte?
Vor vielen Jahren schon habe ich mich eine Zeitlang mit dieser Frage beschäftigt. Vor und während meines Studiums bin ich verschiedenen Gesellschaftstheorien begegnet, die alle ihre Spuren in meinem Bild von der westlichen Industriegesellschaft hinterlassen haben – Marxismus, Kritische Theorie, Systemtheorie, Objektiver Idealismus der Intersubjektivität. Ich trage dieses Bild nun schon einige Jahre in mir herum, ohne es jemals einer kritischen Prüfung unterworfen zu haben. Ja, ich habe es bisher sogar versäumt, es überhaupt einmal auszuformulieren. Aber dies kann ich ändern. Um es kurz zu machen, das Resultat meiner Überlegungen sah etwa folgendermaßen aus:
Gesellschaftsformationen beruhen auf einer normativ bestimmten sozialen Ordnung oder Regeln der sozialen Integration, auf einem kulturellen Wissensvorrat, der die verfügbaren Deutungsmuster einer Gesellschaft repräsentiert, und aus vergesellschafteten Individuen oder Personen, die durch ihre kommunikativen Handlungen die Elemente der Gesellschaft reproduzieren.
Im Zuge der sozialen Evolution kommt es zu einer zunehmenden Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilbereiche, die bestimmte Funktionen für die Reproduktion der Gesellschaft übernehmen. Ausgehend von egalitären Stammesgesellschaften führt die Entwicklung über eine Reihe von hierarchisch gegliederten Klassengesellschaften zu funktional ausdifferenzierten Gesellschaften, wobei im jeweils späteren Entwicklungsstadium das frühere nicht verschwindet, sondern latent weiterwirkt und in Krisensituationen wieder zum Vorschein kommen kann.
Was nun die kapitalistische Gesellschaft anbelangt, so glaubte ich, dass der klassische Gegensatz von Kapital und Arbeit im Innern der Gesellschaft einigermaßen befriedet und die Arbeiterklasse durch die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum allmählich korrumpiert und nunmehr vornehmlich an der Realisierung eines hedonistischen Lebensstils, wie ihn das Bürgertum vorlebt, interessiert sei und dem Ideal der internationalen Solidarität abgeschworen habe – von Ausnahmen abgesehen, versteht sich.
Ich betrachtete schließlich die moderne Gesellschaft als eine Art Organismus mit verschiedenen Organen, Geweben und Zellen, als System von Systemen, die einander ergänzen und das Ganze des gesellschaftlichen Körpers erzeugen, während das Ganze die einzelnen Teile reproduziert. In dieser Sicht gibt es kein Subsystem der Gesellschaft, das den anderen sein Gesetz vorschreibt. Ökonomie, Recht, Politik, Religion, Kunst, Fortpflanzung und Erziehung bedingen einander wechselseitig, so wie die einzelnen Organe eines Körpers ineinandergreifen, um das Funktionieren des Gesamtorganismus zu gewährleisten.
Und all das glaube ich immer noch. Aber warum nur habe ich den Eindruck, dass mit diesem Bild etwas nicht stimmt? Seit Tagen schon laufe ich gedankenvoll durch die Gegend und komme nicht mehr richtig zur Ruhe. Letzte Nacht habe ich mich stundenlang hin- und hergewälzt und nachgedacht. Ist das ein Rückfall in schon überwunden geglaubte Zeiten?
Immerhin hatte ich eine Idee. Was wäre, wenn das Bild im Großen und Ganzen zutreffend, aber in einer entscheidenden Hinsicht unvollständig wäre? Wäre es nicht immerhin beruhigend, wenn die Idee einer kritischen Prüfung standhielte? In einer gewissen Hinsicht wäre es das, denn ich hätte die Lösung für ein theoretisches Problem gefunden – in einer anderen aber ganz und gar nicht.
Und tatsächlich, die Idee scheint sich zumindest widerspruchsfrei denken zu lassen. Unsere Gesellschaft erscheint mir immer noch in etwa so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, einem lebendigen, wenn auch krankheitsanfälligen Organismus vergleichbar. Aber dieser Organismus ist ein Parasit.